
Wenn Sie glauben, dass Deutschland im Globalisierungsgeschäft ein Neuling ist, sollten Sie mal die Geschichte von Weihnachten etwas genauer anschauen. Das heißt, nicht die Geschichte von der Geburt Christi, sondern, wie wir seine Geburt feiern. (Übrigens: Nicht ich, sondern meine Partnerin Astrid Ule ist die Weihnachts-Expertin, also basiert das Folgende auf eine Artikel von ihr.)
Fangen wir mit Amerikas Beitrag an. Der fette, fröhliche Mann im roten Kostüm, den wir als "Santa Claus" kennen, ist (wie fast alles, was aus Amerika kommt) maßgeblich von Ausländern erfunden worden. Thomas Nast war gebürtiger Bayer und kam nach Amerika mit seiner Mutter als er sechs Jahr alt war, im Jahre 1846. Er wurde zu einem führenden Illustrator und Karikaturist, der unter anderem Zeitungsillustrationen aus dem Bürgerkrieg machte. Für eine Serie von Weihnachtsillustrationen erfand er einen rundlichen Saint Nick, der in dem meisten Stichen die Größe eines Kindes hatte (und so auch durch den Schornstein kam). Seine Stiche waren noch ohne Farbe – als Coca-Cola dann 1931 die Figur für eine erfolgreiche Werbekampagne aufnahm, wurde Santa Claus' Kostüm rot und dabei wurde er auch wieder so groß wie ein normaler Mensch – aber immer noch fett und fröhlich.

Wie kam Nast auf die Idee, Santa Claus zu erfinden? Es war nicht seine Idee. Santa Claus ist nichts anders als seine Version von dem Sankt Nikolaus, den man in Deutschland als schlank, groß und mit einer Bischofsmitra kannte. (Jahre vorher hatte ein englischer Gedicht Santa schon die Renntiere verpasst und ihn zum "fröhlichen Elfen" gemacht; im Struwwelpeter, den Nast vielleicht kannte, trägt der Weihnachtsmann auch schon keine Mitra mehr). Nast wollte eine amerikanische Version machen: Also nahm er die Mitra weg, um der Gleichheit der Religionen genüge zu tun; und machte ihn auch niedlich und fröhlich, um ihn attraktiver zu machen. Der Name Santa Claus ist nicht seine Erfindung: Der ist nichts anders als die Amerikanisierung des holländischen Namens für Sankt Nikolaus (Nikolaus = Claus). Wir sagen immer noch neben "Santa Claus" auch "Saint Nick".
Doch auch der Sankt Nikolaus in Bischofsmütze, den die Deutschen kennen, kommt nicht aus Europa, sondern aus dem Teil der Welt, den wir heute als die Türkei kennen: Der erste Saint Nick war ein byzantinischer Bischof von Myra (in der heutigen Türkei) namens Nikolaus, der gern Geldgeschenke an arme Jungfrauen gab. Als er im vierten Jahrhundert von den bösen Römern getötet wurde, erhob man ihn zum Märtyrer und Heiliger (sein Namenstag ist der 6. Dezember).

Seine Legende war Jahrhunderte lang im noch christlichen Byzanz (heute Türkei) und vor allem in der Hauptstadt Konstantinopel (heute Istanbul) unglaublich populär. Als die Europäer dann im frühen Mittelalter Geschmack an der weiterentwickelten Kunst und Kultur der Byzantiner gewannen, importierten sie Bilder und Legende von Sankt Nikolaus gleich dazu.
Wie kam neben Saint Nick auch das "Christkind" nach Deutschland? Das hat man Luther zu verdanken. Die Protestanten wollten die heidnische katholische Neigung, Heilige anzubeten, ganz verbannen, aber Weihnachten konnten sie dem Volk einfach nicht austreiben. Da dachten sie sich: Wenn die Bescherung ein Symbol für das Geschenk der Erlösung an die Menschheit sein soll, dann sollten die Geschenke nicht von einem einfachen Mann kommen, sondern von Christus selbst. Also brachte seitdem das Christkind protestantischen Familien Geschenken zu Weihnachten. (Allerdings wissen Historiker nicht ganz, ob mit "Christkind" ursprünglich das kindliche Jesus gemeint war oder doch eher ein Kind, das zu seinem Geburt ihm Geschenke in die Krippe brachte.)
Dann passierte etwas, was ich wirklich nur "typisch deutsch" nennen kann:

Die Katholiken nahmen das Christkind neben ihrem Sankt Nikolaus auf und die Protestanten nahmen das Christkind auf und behielten trotzdem den Weihnachtsmann bei. Egal, ob ein Fest aus einem anderen Land kommt, wie Halloween und Valentinstag, oder aus einer anderen Religion, die Deutschen lassen wirklich keine Gelegenheit aus, zu feiern. Als Amerikaner, der zu Hause nur wenige Feiertage hat und auch nur einen Weihnachtstag feiert, beeindruckt es mich sehr, dass die deutschen Kinder es irgendwie geschafft haben, am 6. Dezember von Weihnachtsmann, am 24. Dezember von Christkindl und dann vermutlich auch noch am 25. Dezember von Santa Claus Geschenke einzuheimsen. Beachtlich.
Kaum andere Länder – soweit ich sehen kann – haben das Christkindl nicht adoptiert, dafür gibt es viele andere deutschen Weihnachtsbräuche, die international Karriere gemacht wurden. Der Adventkalender ("Advent calendar" oder "Christmas calendar") stammt vermutlich aus Deutschland, wie auch der Weihnachtsbaum selbst ("Christmas tree"). Die Wurzel gehen wohl auf die Zeit des Heidentums zurück, doch die frühesten historisch belegten Christbäume standen 1419 in Freiburg und dann wieder 1539 in Strassburg. Es war eine deutsche Offiziersfamilie aus Braunschweig, die den ersten historisch belegten Weihnachtsbaum nach Nordamerika brachte, und zwar nach Kanada während des Unabhängigkeitskrieges im 18. Jahrhundert. Das erklärt auch, warum unser Weihnachtslied über den Baum nicht wie die meisten unserer Weihnachtslieder aus England stammt, sondern aus Deutschland:
O Christmas tree, O Christmas tree!
How are thy leaves so verdant!
O Christmas tree, O Christmas tree,
How are thy leaves so verdant!
Not only in the summertime,
But even in winter is thy prime.

Aber nicht nur das. Auch der ganze Christbaumschmuck ("Christmas ornaments") kommt aus Deutschland. Die Glaskugeln ("Christmas balls") stammen vermutlich aus Thüringen und die kleinen Holzschnitzereien, die am Baum hängen, sowie der Nussknacker ("Nutcracker"), der Schwibbogen (in Amerika noch unbekannt), die Weihnachtspyramide ("Christmas pyramid" – in Amerika erst anfänglich bekannt) und solche Dinge stammen aus dem Erzgebirge. Wie das kam, ist die schönste Legende über die Kommerzialisierung von Weihnachten, die ich kenne:
Die meisten Orte dort lebten einst vom Silberbergbau. Als das Geschäft mit den Bergwerken zugrunde ging, suchte man nach einer neuen Einnahmequelle und kam auf Holzschnitzereien. Da wurde das Geschäft mit Weihnachten entdeckt und – schwupps! – schon hatte man den Nussknacker, das Räuchermännchen, die Weihnachtspyramide und vieles mehr erfunden und erfolgreich exportiert. Heute geht der Export weiter. Während manche Bräuche wie Baum und Weihnachtsmann international fest etabliert sind und scheinbar kein Wachstumspotential mehr aufweisen, boomt der Export von deutsche Schmuck. Amerikaner schielen nach Deutschland, sobald es um Weihnachten geht. Das Weihnachtsfachgeschäft Käthe Wohlfahrt (von vielen Deutschen als Kitschhändler verschrien) treibt das munter voran, mit Läden in den USA und zwei weiteren in Frankreich und Belgien und einem erfolgreichen internationalen Online-Vertrieb. Dazu findet die Tradition des deutschen Weihnachtsmarktes in Amerika zunehmend Freunde – ich vermute, der Weihnachtsmarkt ("Christmas market") wird in Amerika in den nächsten 10, 20 Jahren so weit verbreitet sein wie es das Oktoberfest schon ist oder wie Valentinstag und Halloween in Deutschland.
Da wäre noch ein schöner Brauch, der aus Deutschland kommt. Man wundert sich über die Amerikaner, die jedes Jahr ihre Häuser mit unglaublich vielen bunten Lichtern schmücken: Ach, diese Amis und ihr Kitsch! Doch genau dieser Brauch stammt vermutlich aus dem deutschen Erzgebirge.
Als im Erzgebirge die Bergwerke noch Geld einbrachten, entwickelte sich der Brauch, in den dunklen Winternächten Kerzen in die Fenster zu stellen, damit die müden Minenarbeiter ihren Weg nach Hause fanden. Bald wurden manche Dörfer als "Lichtdörfer" bekannt. Als das Geschäft mit dem Weihnachtsschmuck begann, wurde diese Tradition beibehalten, und bald verband man bunt erhellte Häuser im Winter nicht mehr mit den Bergleuten, sondern mit Weihnachten. Heute noch schmücken sich Dörfer im Erzgebirge wie Großrückerswalde, Mauersberg und Schneeberg mit bunten Lichtern und feiern "Lichtlfeste".
Allen wünsche ich herzlich Merry Christmas, Fröhliche Weihnachte, Joyeux Noel und Mele Kalikimaka und eine guten Rutsch - möge das neue Jahr gesegnet sein und all Ihre Hoffnungen wahr werden.